Tuesday, January 16, 2018

Norbert Mappes-Niediek: Die Balkanmafia und der kontrollierte Krieg

Via: http://de.45lines.com

In diesen Regionen gab es nie einen totalen Krieg. Es handelte sich immer um einen politisch kontrollierten Krieg.
NORBERT MAPPES – NIEDIEK , JOURNALIST DER ZEITUNG »DIE ZEIT«, AUTOR DES BUCHES »DIE BALKANMAFIA
Nicht der Fanatismus, sondern der Handel kennzeichneten diesen Krieg
Beispiele von schmutzigen Geschäften finden wir am Besten im bosnischen Krieg. Karadžić konnte den Serben in Drvar nicht gestehen, dass Bosnien und Herzegowina geteilt werden soll und dass sie ihre Stadt in Richtung Sanski Most oder Banja Luka verlassen müssten. Dies war die Aufgabe der Kroatischen Armee. Die Vertreibung der Kroaten in Vareš war anderseits nicht die Aufgabe der Kroaten, sondern der Moslems. Dies ist das schmutzige Geschäft und die Logik des bosnischen Krieges – nicht der Völkerhass
Željko Peratović, Vjesnik, “Panorama am Samstag”, 13. Septemeber 2003
Norbert Mappes-Niediek ist Journalist der Deutschen Zeitung Die Zeit. Eine Zeit lang war er Yasushi Akashi’s Berater für das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Im Frühling dieses Jahres veröffentlichte er das Buch „Die Balkanmafia“, das verschiedene Dossiers beinhaltet, die bis dahin in Der Zeit erschienen sind. Vor kurzem besuchte er Zagreb, um sich vor Ort über die Vorbereitung für die Übersetzung seines Buches ins Kroatische zu informieren. In Kroatien soll das Buch im Duriex-Verlag erscheinen. Wir nutzten diesen Gelegenheit mit Herrn Mappes-Niedek zu sprechen.
* Das Buch „Die Balkanmafia“ wurde in Deutschland just in der Zeit veröffentlicht, als Zoran Đinđić ermordert wurde. Haben Sie je vermutet, dass so etwas geschehen könnte?
– Zwei Tage nach dem Erscheinen des Buches, wurde Đinđić ermordet. Ich war nicht überrascht. Vor diesem Attentat haben sie schon zwei Mal versucht, ihn zu ermorden. Es ist ganz klar, wer hinter all’ dem steckt. Es handelt sich um das Milieu bestehend aus dem organisiertem Verbrechen und der Kriegsverbrechenschaft. Es ist typisch nicht nur für Serbien, sondern für alle Staaten, die einst Teil des ehemaligen Jugoslawien waren. Für die Deutsche Öffentlichkeit war dies doch eine grosse Überraschung. Nach all’ den Kriegen in dieser Region, geriet das ehemalige Jugoslawien mehr oder weniger in Vergessenheit. Man ging von einem klassischen etnischen oder ideologischen Konflikt aus. Niemand wusste um den kriminellen und verbrecherischen Hintergrund der Kriege Bescheid.
* In denjenigen Teil des Buches, wo Sie Đinđić erwähnen, schreiben Sie über seine Beziehungen zur Tabak-Mafia. Was für ein Echo haben diese Erkenntnisse in Deutschland hervorgerufen? Wir wissen, dass gerade Đinđić in Deutschland eine grosse Unterstützung genossen konnte?
– Dieser Hintergrund ist noch nicht völlig klar. In Serbien sowieso nicht. Gemäss den Artikeln in der Zeitschrift “Nacional” wissen wir, dass Đinđić mit den Schmugglern verbündet war. Der Zigaretten-Schmuggel liegt in einer Grauzone, zwischen Legalität und Illegalität. Die Tatsache, dass ein internationaler Markt für den Zigaretten-Schmuggel besteht, für den sich keine der Staaten interessiert, wird von den Kriminellen ausgenutzt. Die grossen Tabakkonzerne wie z.B. Phillip Morris oder BAT verkaufen Zigarreten in die ganzen Welt, aber niemand weiss, wer sie kauft. Niemand weiss, wo sie am Ende angelangen. Die Europäische Union versucht dagegen anzukämpfen. Leider, bis jetzt vergebens.
Die polizeilichen und gerichtlichen Ermittler in Deutschland sind sehr unzufrieden mit der Deutschen Diplomatie, die sich offensichtlich mit diesen Beziehungen überhaupt nicht befassen will. Doch das Wissen über diese Beziehungen ist wichtig für das Verständnis nicht nur der jetzigen Situation zwischen den Staaten, sondern auch für das Verständnis des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien. Zum Beispiel, für das Verständnis des wirtschaftlichen Konfliktes zwischen Serbien und Montenegro. Diese Konflikte wurden im Westen nur von der politischen Seite her betrachtet, nicht von der wirtschaftlichen, dessen waren Hintergrund sie darstellen.
* Đukanović und Đinđić werden im Verhältnis zu Milošević als Demokraten angesehen.
– Das sind sie auch. Đukanovic hat, ohne jeden Zweifel, an der Demokratisierung Montenegros beigetragen. Dies gilt umso mehr für Đinđić in Serbien. Seine Rolle am Milosević’s Fall ist geschichtsreif. Aber, schon damals, als Milošević noch an der Macht war, erkannte Đinđić, dass er mit dem kriminellen Kreisen zusammenarbeiten muss, wenn er Milošević besiegen möchte. Es dauerte Monate bis endlich die EU-Gelder für die Opposition Serbien erreichte. Es ist daher leicht zu erklären, wieso die Finanzierung aus den serbischen wirtschaftlichen Kreisen leichter zu organisieren war. Hätte es dieses wirtschaftliche Milieu nicht gegeben, hätte man Milošević nie stürzen können.
* Im Buch erwähnen Sie auch die Unterstützung durch die Brüder Karić und deren Medien.
– Ihre Rolle ist besonders interessant. Am Anfang waren ihre Medien gegen die Opposition. Sie wechselten ihre Meinung ein paar Tage vor Milosević’s Sturz. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang, das Treffen zwischen Đinđić und Milorad Luković Legija an einem geheimen Ort, ein Tag vor Milosević’s Sturz.
* Wie bewerten Sie den Erfolg der serbischen Polizeiaktion „Sablja“?
Am Anfang war dies ein grosser Erfolg. Zum ersten Mal merkten die Leute in Serbien, dass ein Staat besteht. Aber, es war von Anfang auch ganz klar, dass die serbische Gerichtsbarkeit keine Möglichkeiten haben wird, alle 4500 Angeschuldigte zu prozessieren. Jetzt haben wir eine Stimmung des backlash. Wir werden sehen, wie sich nun die Gerichtsverhandlungen, die diese Tagen beginnen, abspielen werden. Doch ist es sehr wichtig zu erwähnen, dass die serbische Öffentlichkeit sehen konnte, dass die Polizei fähig ist, gegen die Kriminellen anzukämpfen. Dies konnte man in den anderen Staaten, auch in Kroatien, bis heute noch nicht erkennen.
* Die Beziehungen des organisierten Verbrechens in dieser Region sind sehr interessant.
– Es entsteht der Eindruck, dass das Vebrechen keine Grenzen kannte. Handelt es sich um mehrere Staaten, haben sie ein Paradies für ilegalle Aktionen. Keiner dieser Staaten ist fähig, die Züge des organisierten Verbrechens zu verfolgen. Das bestehen von Grenzen ist für den Schmuggel sehr wichtig. Ohne Grenzen gibt es auch keinen Schmuggel. Die Polizei keines Staates ist fähig mit der Polizei eines anderen Staates zu kooperieren.
* Sie erwähnen die Albaner, als die wichtigsten Akteure des organisierten Verbrechens im Bereich des Drogenhandels in der ganzen Region. Die Albaner haben die Drogen sogar der serbischen Mafia verkauft.
– Ja, genau. Yumco aus Vranje hat die Anzüge für die Kosovarische Befreiungsarmee geschnitten. In Serbien wurde deswegen Anklage erhoben. Aber, dies soll nicht bedeuten, dass die Banden multinational seien. Dennoch arbeiten sie auf dem internationalen Markt hervorragend zusammen. In Serbien sprach man immer über die albanische Mafia, und dabei hat man leicht vergessen, welche Rolle die serbische Polizei spielte. Während des Kosovo-Krieges haben sich manche Albaner ziemlich bereichert. Sie hatten überhaupt keine Probleme mit der serbischen Polizei. Einst erklärte mir ein Polizist in Belgrad, wieso so viele Polizisten bereit wären in den Einsatz nach Kosovo zu gehen. Es war ja ziemlich gefährlich. Die Albaner hasste die serbischen Polizisten, und dennoch gab es so viele Freiwillige. Es ist ganz klar, dass für sie die Bereicherung, dh. die Erpressung reicher Albaner, im Vordergrund stand. Dies geschah auch im Jahre 1998, als Serbien der ganzen Welt erklärte, in Kosovo „geschehe“ der Separatismus. Doch was erstaunt ist die Tatsache, dass gerade in dieser Zeit die Kosovarische Befreiungsarmee ihre Büros im Zentrum von Priština besass. Kein einziger Polizist kam sich zu erkundigen. Wäre es möglich, dass die ETA Büros in Bilbao besitzt?
* Die ideologischen Vorurteile, die bei der politischen Elite im Westen im Überfluss bestand, werden in ihrem Buch durch die Behauptung widerlegt, dass hinter der Ideologie die alten Strukturen standen, mit ihren Wünschen um Reichtum und Macht?
– Anfangs 1992 kam ich ins ehemalige Jugoslawien. Ich erwartete, fanatische Politiker anzutreffen, die denken würden, ihre Nation sei wertvoller als all’ die anderen. Dem war aber nicht so. Diese Politiker waren grösstenteils nicht fanatisiert, mehr oder weniger waren sie Demokraten. Ihr Job bestand in der Aufteilung des Landes. Sie behaupteten, dies sei unausweichlich. Den Fanatismus traf ich bei den Opfern, beim Volk, nicht bei den Politikern. In Pale vermutete ich die grössten Fanatiker, dem war nicht so. Sie sagten mir, Izetbegović erledigt sein Teil der Arbeit, sie ihren. Ich fühlte, dass der Fanatismus und die Ideologie nicht die ganze Kriegsgeschichte ausmachten.
Als ich in Pale war, sah ich nachts Tankwagen aus Kiseljak, die den serbischen Markt mit Benzin aus dem kroatischen Teil der Region versorgten. Spontane Aktionen gab es in diesem Krieg nicht. Auch keine Demonstrationen. Sogar diejenigen, die sich gegen die Rückkehrer abspielten, waren fingiert. Auf der Strasse befand sich nicht das gemeine Volk, immer waren dies Leute, die von einem Politiker zusammengerufen worden waren.
* Im Buch erwähnen Sie auch die Rolle von Mladen Naletelić Tuta im Handel mit den Serben.
– Ich habe Naletelić nicht persönlich gesehen, doch seine Leute waren überall. Ich sah sie auch in Pale.
* In Ihrem Buch haben Sie auch die Rolle von Fikret Abdić in diesem Krieg erläutert.
– Seit dem Beginn ist seine Geschichte strikt geschäftlicher Natur. Das Waffenembargo des Westen hatte dem im Wesentlichen dazu beigetragen. Das Embargo ermöglichte ein Milieu zwischen Verbrechen und Politik. Sogar der verstorbene Kroatische Minister Šušak hat mit diesen Kreisen verkehrt. Dann die Kosovarische Befreiungsarmee, die mit Drogen handelte, um Waffen zu bekommen. In Italien gibt es Beweise für diese Behauptungen.
* Es gibt auch Indizien, dass während der Belagerung von Vukovar die Kroaten von Arkan Waffen gekauft hätten? Es gab, angeblich, Vorschläge, nach der Operation „Sturm“ Banja Luka für Tuzla zu wechseln?
– Ja, solche Karten wurde gezeichnet. Im Herbst 1995, als NATO die bosnischen Serben bombardierte, hatte die kroatische Armee die Aufgabe die westlichen Teile Bosniens einzunehmen, Drvar und andere Orte. Ein General hatte mit seiner Armee den Fluss Sana überquert und schon am Tag danach wurde er von seinem Posten genommen. Er hat die Grenze der Absprache überschritten. In diesen Regionen gab es nie einen totalen Krieg. Es handelte sich immer um einen politisch kontrollierten Krieg.
* Schon damals beim Kampf um Vukovar sprach man von einem Deal.
– Ja, Vukovar war das erste Beispiel, bei dem sich die Leute fragten, um was es hier geht. Meine Meinung ist aber, dass der Westen bis heute nicht begriffen hat, was sich in diesen Kriegen abgespielt hatte.
* Lange Zeit sah der Westen nur in den Moslems die Opfer.
– Es entspricht auch der Wahrheit, dass das bosnische Volk im bosnischen Krieg das grösste Opfer war, nicht aber die bosnische Führung. Im Westen meinte man, die Bosnier würden die Idee eines multiethnischen Staates verteidigen. Doch, wäre dem so gewesen, gäbe es keine Vertreibungen von Kroaten in Bugojno. Sie hatten zwei Möglichkeiten: das einheitliche Bosnien und Herzegowina, und wenn dies nicht möglich sei, dann wollten sie einen separatistischen, moslemischen Staat. Sehen Sie sich nur das Beispiel von Vareš an, in dem überwiegend Kroaten lebten. Dort waren die Leute keine Nationalisten, doch wurden sie Opfer einer Vereinbarung zwischen der kroatischen und bosnischen Regierung.
* Im Unterschied zu Serbien, sagen Sie, hätte Kroatien einen funktionierenden Staat. Doch, das organisierte Verbrechen, welches aus dem Krieg hervorging, wirkt auch in Kroatien noch immer.
– Dieses Problem wird noch lange anwesend sein. Seit dem Beginn hatte das organisierte Verbrechen in der Erschaffung von Institutionen eine wichtige Rolle gespielt. Dies sieht man nun am Beispiel von Kosovo. Das Ziel war die Erschaffung von Institutionen, dies wiederum förderte die Institutionalisierung des organisierten Verbrechens. Nun versuchen die internationalen Truppen in Kosovo die Lustration von Leuten, die an die Macht wollen. Weder in Serbien noch in Kroatien gab es solch’ eine Lustration.
aus dem Kroatischen übersetzt: Nada Peratović
Posted By: Željko Peratović

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